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Drei Hunde treffen sich auf den Straßen Neuköllns, kämpfen miteinander und wüten gegen die Welt. Die weiße Hundedame Dilara gehört einem Murat, der auf Pappas Schulden einen goldenen Audi lieh, das kommt raus, da hat er keine Zeit mehr, sein Hündchen zu kraulen und muss sich um seine Geschäfte kümmern. Sie mag eitel sein und sich für die neueste Schuhmode (kleine Anspielung auf die unzählbaren Schuhgeschäfte in der Neuköllner Karl Marx Straße, an denen sich die bescheidenen Luxusbedürfnisse der Neuköllnerinnen austoben) begeistern, doch sie kann sich auch wehren und ist nicht tot zu kriegen, selbst wenn Nero sie in den Hals beißt. Dabei ist sie nur ein hässlicher Mops, typisches Schmusepüppchen und Ersatzwaffe türkischer Drogendealer, seit die Kampfhunde verboten wurden. Angebunden an den Pfahl, wo man sie vergessen hat, schwärmt sie von der Wärme in der türkischen Familienatmosphäre, bevor der Vater dem Ungeratenen auf die Spur kam. Das türkische Fasulye, ein Gedicht! Der Dobermann Nero, ein \"Fletscher\", herrlich karikiert und glänzend gesungen von Fabian Martino, findet sich meist eingesperrt in seiner vielköpfigen HartzIV-Familienwohnung im Rollbergviertel, mit ödem Ausblick aus dem 10. Hochhausstockwerk, wo er allmählich, genau wie die dort hausenden Kinder, vergessen wird. \"Die Bude ein Müllcontainer, die Kinder wie tote Fliegen an der Wand, der Fernseher blaat den ganzen Tag...\" Er ist ausgesetzt worden oder abgehauen, nachdem er eins der Kinder angefallen hat. Schäfer, ein schmieriger Schleimer, hat es vom ausrangiertem Polizeischäferhund zum zugedröhnten Begleiter von Obdachlosen gebracht, wo er schließlich zum Streuner wurde, der noch, Relikt aus besseren Zeiten, auf gutes Benehmen hält. Alle drei leben nur so gerade eben noch, schlagen sich aber durch.
Sie ernähren sich von Abfällen, kämpfen und wüten, besonders Nero, giften sich an, aber halten doch zusammen, wenn es um die Menschen geht, die hinter ihnen her sind. Es eint sie, dass sie keinen sonst haben, der sich aus ihnen was macht. Ihr Selbstbewusstsein ist aufgeblasen, in trüben Momenten halten sie nicht viel von sich: \"Hätte man doch\", singt einmal Nero, \"hätte man mich doch einfach erschossen\". Sie leben in Krieg, Kampf, Gier und Verzweiflung. Sie leben ganz unten, tiefer gehts nicht mehr, symbolisiert durch ein Gitter, was sich längs der Bühne zieht, unter das die Hundewesen oftmals kriechen. Eine moderne Bremer Stadtmusikantengeschichte, nur spielt sie, statt im Wald, im Neuköllner Untergrund zwischen Rütlischule und Flughafenstraße.
Die Kunst, die Tierfabelwesen nicht zu verkitschen, nicht das Vermenschlichen kindisch werden zu lassen, den Witz, den manche Szenen haben, nicht ins Komödiantische abkippen zu lassen, ist großartig gelungen. Wie einst in der Lessingschen Fabel treten die Tiere als Verkörperung menschlicher Eigenschaften auf und vermitteln Gesellschaftskritik auf scheinbar spielerische Weise. Hier verkörpern sie das Neuköllner Subproletariertum, Straßenjugendliche mit großen Zukunftsplänen, die schneller zerplatzen als das geklaute Auto gefunden wird. \"Ich helfe keinem, wie auch mir niemand hilft\" ... , \"...der Kampf der Straße ist hart, jeder Kämpfer erblindet!\", \"...zum Beißen gezüchtet, erzogen, geboren, ...\". Die Musik ist laut, kämperisch, wild, passend zu einer Choreographie, die alles unmittelbar Wütende und Wilde zutage befördert. Eindrucksvoll, ausdrucksstark. Abrupt wechselt die Musik ins Weiche, wird traurig, zart und hilflos. Sie zeigt wie in einem Kaleidoskop Gefühle einer Neuköllner Nacht.
Das 23-jährige Wunderkind Sinem Altan hat sie geschrieben, womit zum zweiten Mal innerhalb eines Monats eine Komponistin in Neukölln zum Zuge kommt. Schon mit sieben Jahren Komponistenklasse Bilkent-Universität Ankara, mit 11 Jahren Aufnahmeprüfung Musikhochschule Hanns Eisler. Es ist ihr gelungen, die Musik der Sprache der Tiere anzunähern, ohne auch nur mit einer Faser kindertümelnd zu werden. Auf dem Nachhauseweg durch die regennassen Straßen Neuköllns sehe ich die glitzerne Einöde mit anderen Augen. Ein junger Deutschtürke führt einen weißen Hund spazieren. Ein Mops? Nein, ein anderes Kleinexemplar. Vor der Ampel nimmt er ihn hoch und trägt ihn über die Straße, streichelt ihn gedankenverloren. Murat? Ein Gefühl von Zusammenhalt und Solidarität seiner Bewohner, trotz alledem, ist durchaus zurückgeblieben
Anja Röhl für „Junge Welt“
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