Spielzeit 2020/21

Sind wir alle nicht Versuchskaninchen in einem großen, unabsehbaren Experiment, das sich Gegenwart nennt? Wer weiß, wie lange unsere erste Corona- Spielzeit dauert? Wann werden wir wieder ohne Abstandsregeln zusammenkommen und wie werden neue Erkenntnisse unser Theaterangebot beeinflussen?

Die Spielzeit 20/21 ist damit die dynamischste und aufregendste, die wir mit Ihnen begehen. Im Mittelpunkt steht ein Thema: das Ringen des Einzelnen mit seinen Zeitumständen, erzählt mit viel Energie, Humor und Poesie. Im Fokus unserer Uraufführungen stehen also sehr spezielle Persönlichkeiten unter ebenso speziellen (Druck-) Verhältnissen und an besonderen Orten: der „Rote Elvis“ Dean Reed auf DDR Bühnen (IRON CURTAIN MAN), eine Konzertsängerin in Krisenzeiten (LOST – 1,5 Meter), ein MANN DER SICH BEETHOVEN NANNTE, zurückgekehrt auf eine Lichtung vor der Philharmonie, der Freigeist und Regelbrecher GIOVANNI in uns heute, drei Sänger*innen der Neuköllner Oper, die jetzt restlos gentrifiziert und verkauft ist an die Angel Dust Entertainment Inc. (OPERA FOR SALE), eine alte Berliner Arbeiterin, die sich mit einem jungen Start-Up-Hipster die Mietwohnung teilen muss (SCHÖNER WOHNEN), eine mexikanische Museumskuratorin im Humboldt Forum (AURA)… und vieles mehr, was wir pandemiebedingt noch nicht festlegen können.

Über den Besuch der Vorstellungen hinaus können Sie uns über zwei weitere Portale bzw. Veranstaltungsreihen besuchen: über das TANDEM und die WUNDERKAMMERN.

Auf intensive, bewegende und freudige Momente in unserem Haus!


Die Spielzeit 2020/21 im Überblick

OPERA FOR SALE
Ein musikalisches Immobilien-Infotainment
von Felix Krakau (Text) und Yuval Halpern (Musik)

Berlin in nicht allzu ferner Zukunft: Die Stadt hat den Kampf gegen internationale Investoren verloren, wurde aufgewertet. Auch die Neuköllner Oper wurde zum share deal: Der neue Eigentümer des Hauses lädt zum exklusiven Musiktheaterereignis: authentisches Berliner Musiktheater wie früher…
Uraufführung am 12. März 2020. Premiere der Webserie am 28. Juli 2020.

 

DIE FLEISCH
Ein Ritual mit der Oper Ayamé von Kōsaku Yamada
Neueinrichtung. Premiere am 1. August 2020. Bis 16. August 2020. 

Wie eigentümlich, dieser Operneinakter aus dem Jahr 1931 als erste Produktion unter Corona-bedingten Spiel- und Hygieneregeln – diese wunderbare, zwischen Debussy, Richard Strauss und japanischen Klängen oszillierende Musik zum Drama des Mädchens Ayamé (Yuri Mizobuchi), die als Prostituierte arbeitet, um die Schulden des verstorbenen Vaters zu tilgen. Als alle Ratschläge eines undurchsichtigen Freundes (Martin Gerke) und alle Versuche zur Flucht scheitern, entscheiden sie sich für einen so ritualhaften wie originär japanischen Ausweg…
Unsere Inszenierung aus dem letzten Jahr fragte nach dem Selbstbestimmungsrecht auf Leben und Körper, nach den Möglichkeiten von Nähe, Intimität und Freiheit – nun spielen und erleben wir diese Geschichte, noch deutlicher auf Abstand gesetzt, unter Ritualen, die uns alle betreffen.

 

IRON CURTAIN MAN
Eine letzte Show für Dean Reed, den Elvis der DDR.
von Fabian Gerhardt, Lars Werner (Text) und Claas Krause/Christopher Verworner (Musik)

Was war da los: ein Cowboy landet in Berlin, Hauptstadt der DDR, und reitet Lasso-schwingend durch »Ein Kessel Buntes«? Wir schauen hinter den Eisernen Vorhang, verfolgen den Weg des Mannes, der in Denver, Colorado aufbrach, um den Ostblock zu rocken und bauen dem legendären und fast vergessenen Sänger, Schauspieler, Stuntman und Regisseur eine neue Showtreppe.
Uraufführung am 03. September 2020

 

Wunderkammer 
Eine neue Erlebnisreihe für ein neugieriges Publikum

Welche Erfahrungsräume können Musik und Narration noch öffnen, über die gegenwärtigen Theaterformen hinaus? Könnten die Spiegelkabinette der historischen Wunderkammern einen produktiven, sinnlichen Echoraum schaffen, der andere Perspektiven auf eine komplexe Welt ermöglicht? Die Wunderkammern um 1600 – Vorformen heutiger Museen – stellten ihre oft bizarren Exponate aus Kunst, Handwerk, Natur und Wissenschaft in einen ganzheitlichen „Weltzusammenhang“, der uns heute oft fehlt. Davon inspiriert, bietet die Neuköllner Oper ein neues Veranstaltungsformat, das ein neugieriges Publikum mit Expert*innen aus Musik, Wissenschaft und Kunst zusammenbringt. Mit der Musik als zentrale Vermittlerin werden Fundstücke, Erzählungen und Experimente in einem anderen Licht zusammenfügt.
Ab September 2020.

 

LOST (1,5 m)
Ein Schwanengesang
von Cordula Däuper/Johannes Müller (Text) und Tobias Schwencke (Musik)

Das Hauskonzert beginnt mit Schuberts „Abschied“, man prostet sich aus der Ferne (1,5 Meter) zu und versucht, die nervös wippende Fußspitze im edlen Schuh wieder unter Kontrolle zu bringen. Aber das Unbehagen wächst mit jedem Takt, verstärkt sich durch jedes romantische Seufzermotiv. Die Dame nebenan benimmt sich zunehmend merkwürdig, hustet sie nicht auch ganz eigentümlich?In Lost widmet sich das Team von Casting Clara aus gegebenem Anlass den Untergangsszenarien, die unseren Blick auf die Zukunft seit Jahren prägen. Anhand von aktuellen und historischen Vorhersagen, politischen und literarischen Visionen entwickelt es ein klaustrophobisches Hauskonzert, das von Franz Schuberts letzter großer Komposition – dem Liederzyklus „Schwanengesang“ – ausgeht und von dort Querverbindungen zu Richard Wagners Untergangsfantasie, der Götterdämmerung, und modernen Protest-Songs schlägt.
Uraufführung am 22. Oktober 2020

 

HOW TO CONTROL YOUR ANGER IN TEN EASY STEPS
Musiktheater des Jungen Ensembles der Neuköllner Oper
von Yuval Halpern (Musik), Felix Krakau (Text), Bjørn de Wildt (Regie)

Ein musikalisches Tutorial für alle, denen gerne mal der Kragen platzt. Der allgemeine Wind wird rauer und der Ton schärfer, die Nerven liegen blank. Keine leichte Zeit für leicht Erhitzbare. Aber keiner ist allein, don’t worry: Gemeinsam bekommen wir das in den Griff!
Uraufführung am 27. Oktober 2020. Bis 4. November 2020.  Die Novembervorstellungen werden pandemiebedingt auf das nächste Jahr verschoben, Nachholtermine folgen.

 

DER MANN DER SICH BEETHOVEN NANNTE
von Moritz Rinke/Mathias Schönsee (Text) und Cymin Samawatie/Ketan Bhatti/Trickster Orchestra (Musik)

Es ist das Ende des Beethovenjahres 2020: Die Berliner Philharmonie hat einen Kometen abbekommen, der Maestro hat Allüren, ein Mädchen rebelliert – und der Mann, der sich Beethoven nennt, verfolgt mit humanistischer Mission das Ziel, nicht nur seine prometheischen Werke zu überarbeiten, sondern auch gleich die gesamte Menschheit.
Der preisgekrönte Autor Moritz Rinke, Regisseur Mathias Schönsee und das transkulturelle Trickster Orchestra verweben humorvolles Schauspiel mit dem musikalischen Kosmos Beethovens – und fordern damit in un-erhörter Weise die west-weiß-europäische Musikgeschichte heraus.
Berliner Premiere am 28. November 2020
Uraufführung verschoben auf 1. Dezember 2020. Bis 3. Januar 2021.

 

IST DIE WELT AUCH NOCH SO SCHÖN
Eine Einsamkeitsstudie von Ulrike Schwab und Juliane Stadelmann mit Musik aus Paul Linckes Frau Luna

Herr K. ist gestorben. Keiner hat es mitbekommen. Niemand wusste mehr von ihm, als was das flüchtige Grüßen im Vorübergehen über einen Menschen erzählt. Das und die Musik, die er hörte. Operettenmusik…
Wiederaufnahme ab 28. Januar 2021. Bis 27. Februar 2021

 

GIOVANNI. Eine Passion
Wolfgang Amadeus Mozart – STEGREIF.orchester – Juri de Marco – Ulrike Schwab

Don Giovanni – ein zeitloser Mythos? Auf der Suche nach Antworten gehen wir zurück zu dem Ursprung der Legende. Nach Sevilla. An seinem Grab versammeln wir uns und mit der Erinnerung an ihn erwachen seine Geschichten zu neuem Leben. So entwickelt sich ein ausgelassenes Volksfest, zwischen Totenfeier, Karnevalstaumel und Prozession. In GIOVANNI. Eine Passion spielen STEGREIF.orchester und Neuköllner Oper erstmals zusammen und entwickeln mit der „Oper aller Opern“ ein „befreites“ Musiktheater, dirigenten- und notenblattfrei, eine mobile Inszenierung, in der Sänger*innen und Instrumentalist*innen „verschmelzen“ und Mozart auf Improvisation, Elektro und traditionelle spanische Musik trifft.
Wiederaufnahme voraussichtlich im Sommer 2021.

 

comPOSITION
Die Preisträger-Stücke des Berliner Opernpreises 2020

Die Teams um die Komponisten Samuel Penderbayne (München) und Andys Skordys (Nikosia/Amsterdam) haben die Jury des neuaufgestellten Berliner Opernpreises 2020 mit ihren Konzepten überzeugt. Sie schreiben je ein 30minütiges Musiktheaterwerk auf Grundlage einer Kurzgeschichte Ferdinand von Schirachs.
Uraufführung voraussichtlich im Frühjahr 2021.

 

SCHÖNER WOHNEN
Ein Abstellkammerspiel von Amy Stebbins und Sir Henry

Immer kleinere Räume werden zu immer höheren Preisen immer dankbareren Mietern auf Zeit überlassen. Wenn das so weitergeht, wird wohnen nur noch als akrobatischer Akt möglich sein, als Ganzkörperorigami im Schuhkarton. Denn die Berliner Wohnung wird zerteilt, halbiert, geviertelt, und nähert sich von der Hipsterseite aus wieder dem Zustand an, der in den 1920er schon einmal die Kulisse der Weltstadt war. Mit Fokus auf die Geschichte der Berliner Mietskasernen wie die „Richardsburg“ entwickelt sich ein satirisches Wohntheater mit Elementen aus Slapstick, Songs, Tanzeinlagen und Szenen.
Uraufführung voraussichtlich im Frühjahr 2021.

 

BERLIN RICHARDPLATZ
Eine Liebeserklärung an das Leben und die verloren gegangenen Träume der 90er
von Hakan Savas Mican (Text, Regie) und Jörg Gollasch (Musik)

1989 ff. Es geschehen noch Wunder, außer dem Fall der Mauer. Eines von ihnen: die Liebesgeschichte von Lisa und Cem, zwei jungen Menschen aus ganz unterschiedlichen Welten. Eigentlich hat Cems Mutter Esma, die als Putzkraft arbeitet, andere Pläne mit ihrem einzigen Sohn. Er soll studieren und es im Leben besser haben als sie.
Lisas Großmutter Eva, ein vergessener DDR Opernstar aus Marzahn, hat auch Großes mit ihrer Enkelin vor. Lisa soll als Sängerin Karriere machen. In Evas Plan kommt eine romantische Liebesgeschichte mit einem Mohammedaner nicht vor. Aber so ist das nun mal mit den Wundern. Sie geschehen ungefragt. Und so verlieben sich Lisa und Cem ineinander. Sie heiraten. Lisa wird schwanger, einmal, zweimal, ein drittes Mal. Sie liebt ihre Kinder, und vergisst darüber ihr eigenes Leben. Beide jonglieren: Cem zwischen Graffiti, Uni und seinem Studentenjob in der Fabrik; Lisa zwischen Muttersein, Kopftuchtragen und der Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule. Irgendwann merken sie, dass das Leben sie zu einem Punkt gebracht hat, an dem es kein Zurück mehr gibt.
Uraufführung voraussichtlich im Oktober 2021.