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Programmheft: Genevieve

Ein performatives Konzert

© Peter van Heesen

Eine Band auf der Bühne: Gesang, Schlagzeug, Gesichter und Körper, die sich zum Beat bewegen, im Licht glänzende Outfits – das ist doch ein Konzert, oder? Oder ist es vielleicht eine getarnte Theateraufführung? Die schottische Komponistin und Performerin Genevieve Murphy liebt es, diese Grenzen verschwimmen zu lassen. Mit ihrer Band und einem Set selbst geschriebener Songs nimmt sie die skurrilen Rituale musikalischer Auftritte in den Fokus: sie übertreibt sie, verdreht sie und zeigt, wie theatralisch jedes Konzert ohnehin schon ist. An drei Abenden gehört Murphy die NO-Bühne. Während sie mit ihrer Band spielt, hinterfragt sie spielerisch ihre Dynamik, um herauszufinden und sichtbar zu machen, was wirklich zwischen Musiker*innen auf der Bühne passiert.

Video: Kathrin Grzeschniok

NO Interview

5 Fragen an Genevieve Murphy

© Peter van Heesen

NO
Genevieve, du setzt dich mit Banddynamiken auseinander. Was interessiert dich daran?

Genevieve Murphy
Meine Familie kommt aus dem Bereich der bildenden Kunst, deshalb spricht mich die visuelle Seite in Konzertsituationen immer sehr stark an. Für mich geht es zunächst darum, dieses Bewusstsein zu schärfen – dass Musiker*innen sichtbar sind. Und dann stellt sich die Frage: Okay, was machen wir damit? Das lässt der Musik den Raum, das zu sein, was sie ist, und den Musiker*innen, die zu sein, die sie sind – gleichzeitig schärft es aber das Verständnis, dass es ein Bild gibt, das dem Publikum zum Betrachten angeboten wird. Das ist die ursprüngliche Inspiration: Warum schauen wir uns ein Konzert eigentlich an?

NO
Kannst du mir etwas über die Dynamik in deiner Band erzählen?

GM
Da ich Komponistin bin, geht es für mich sehr stark darum, alles im Voraus zu planen. In den letzten Jahren interessiere ich mich mehr und mehr dafür, mit Improvisator*innen zu arbeiten und mich von dem, was sie tun, inspirieren zu lassen, um daraus Strukturen zu entwickeln. Trotzdem ist das Ganze recht kontrolliert, und in dieser Atmosphäre schreibe ich Songs. Ich habe bestimmte Klangwelten im Kopf und eine Struktur – aber wie die Musiker*innen auf diesen Rahmen reagieren, kommt ganz von ihnen. Genau dort möchte ich ihnen Raum geben.

Hinter den Kulissen ist die Dynamik wahrscheinlich so, dass sie sich durch mich recht eingeschränkt fühlen. Aber die Idee ist: Je klarer der Rahmen ist, den ich vorgebe, desto mehr Freiheit haben sie, diesen einen Bereich tatsächlich zu erkunden. Das ist immer der Balanceakt in diesem Prozess. Das überträgt sich, denke ich, auch auf das Publikum: diese Spannung zwischen den kontrollierenden Elementen, dem Plan, der auf der Bühne existiert, und gleichzeitig der Spontaneität, die Musik braucht. Damit es nicht konstruiert wirkt, sondern aus einer ehrlichen Haltung heraus entsteht.

© Peter van Heesen
© Peter van Heesen
© Peter van Heesen
© Peter van Heesen

NO
Du hast gezielt Improvisationsmusiker*innen dafür angefragt. Ist das die Art von Künstler*innen, mit denen du gern arbeitest?

GM
Genau, und es gibt oft eine Verbindung zum Jazz. Sie wissen also, wie man einen Song strukturiert und mit komponierter Musik arbeitet. Aber eigentlich geht es um das Verständnis von Klangwelten, um Erfahrung und um die Wirkung, die das jeweilige Thema eines Songs durch die Musik entfaltet.

NO
Kannst du etwas über die Musik und die Songs erzählen? Gibt es Themen, die sie oder ihre Entstehung miteinander verbinden?

GM
Die Songs verhandeln die Themen Angst und Kontrolle. Wie in all meiner Arbeit läuft letztlich jedes psychologische Thema – ob ich will oder nicht – auf Kontrolle hinaus. Jeder Song handelt also auf irgendeine Weise von unterschiedlichen Formen, Kontrolle zu erlangen oder aufrechtzuerhalten, vom Gefühl des Kontrollverlusts und davon, was daraus entsteht.

Ein Song handelt zum Beispiel von Angst: davon zu erkennen, dass das, wovor man Angst hat, eigentlich kleiner ist als man selbst – und dann zu hinterfragen, warum man sich vor etwas fürchtet, das verletzlicher ist als man selbst. Was nämlich daran liegt, dass man nicht versteht, wie es funktioniert, und deshalb keine Kontrolle über seine Bewegungen hat.

Als ich mit einer Frau zusammengearbeitet habe, die in Kiew lebt, hatten wir einen Videoanruf, während sie auf die Straße hinausging. Es gibt einen Song, der davon handelt, dass das Wissen um ihre Anwesenheit in diesem Kriegsgebiet bei mir Angst ausgelöst hat, während ich selbst in einer sicheren Umgebung saß. Es ging um dieses Konzept von Sicherheit und darum, was es bedeutet, eine offene Straße zu betreten. Da ist also dieses Thema Angst, aber wieder auch dieses Gefühl von Kontrolle: Wann fühlt man sich sicher, und was bedeutet Sicherheit überhaupt?

Ein anderer Song handelt von einer destruktiven Beziehung und davon, selbst die toxische Person zu sein. Davon, die zerstörerische Rolle einzunehmen, aber die eigenen Gefühle zu projizieren, sich vorzustellen, was die andere Person fühlt, und Empathie für sie zu empfinden – obwohl man selbst in gewisser Weise den Schaden verursacht hat. Es geht um das Bewusstsein, keine Kontrolle darüber zu haben, wie man sich zu einer anderen Person verhält.

© Peter van Heesen

All das ist persönlich, diese Texte sind extrem persönlich. Es geht viel darum, sich zu zeigen oder sich zu verstecken und darum, wie sehr man sich selbst schützt. Manche Musik kann helfen, sich geschützt zu fühlen – sogar die Techno-Elemente! Auch das ist Teil der Suche: Wo fühle ich mich auf der Bühne sicher, und wo fühle ich mich verletzlich?

Ich bin auf der Bühne extrem nervös, und auch mit dieser Dynamik arbeite ich. Wann lasse ich diese Verletzlichkeit zu, und wann möchte ich einfach nur Sicherheit spüren und loslassen? Und wie kann ich mich musikalisch in diesen Momenten unterstützen?

NO
Und was tust du musikalisch, um dich zu unterstützen? Was hast du herausgefunden?

GM
Musikalisch geht es um Konzentration auf Verbindung und darum, einen kleinen Raum zu schaffen, wenn ich verletzlich sein möchte, ohne auf der Bühne in Panik zu geraten. Selbst wenn der Raum groß ist, erschaffe ich einen sehr intimen Raum, in dem ich die Wände nicht als weit entfernt empfinde, sondern eher so: Ich bin bei einer einzelnen Person im Publikum. Ich versuche, viel direkter zu jeder einzelnen Person zu denken, als wäre es ein Eins-zu-eins-Moment, und nicht an die Masse.

Wenn wir mit Techno arbeiten, gibt es diese antreibende Kraft, die eine gewisse Ernsthaftigkeit und Schärfe mit sich bringt, die für mich auch eine Maske sein kann. Einfach Spaß zu haben in dem Sinne, dass es nicht um Emotionen geht, außer um Antreiben, Vorwärtsgehen, Bewegung – los, los. Das geht fast schon in Richtung Eskapismus, würde ich sagen.

SET-LIST

© Peter van Heesen

Sax Drone
Komposition: John Dikeman
Dauer: 3:00
Die Nummer ist komplett improvisiert.


Henning Sync
Komposition: John Dikeman, Henning Luther
Dauer: 3:00
Die Nummer ist komplett improvisiert


I Beg You
Komposition: GENEVIEVE (Band)
Bearbeitung: Texte teilweise von „Lucky Fonz |||“
Dauer: 4:10

Little Human
Komposition: GENEVIEVE (Band)
Bearbeitung: Melodie aus Franz Schuberts Winterreise, „Die Krähe“, Texte „Lucky Fonz |||“

Drums Improv
Komposition: Henning Luther
Dauer: 3:00
Die Nummer ist komplett improvisiert.

Bagpipe Off Stage
Komposition: Genevieve Band
Dauer: 1:30

Behind the Glass
Komposition: GENEVIEVE (Band)
Dauer: 4:30

Marta Improv
Komposition: Marta Warelis
Dauer: 2:30
Die Nummer ist komplett improvisiert.

Fear
Komposition: GENEVIEVE (Band)
Dauer: 4:30

Eve
Komposition: GENEVIEVE (Band)
Dauer: 3:30

Out in the World
Komposition: GENEVIEVE (Band)
Dauer: 3:40

Free Jazz
Komposition: GENEVIEVE (Band)
Dauer: 3:00
Die Nummer ist komplett improvisiert. Die Dauer variiert leicht.

Bagpipes into Fork
Komposition: GENEVIEVE (Band)
Dauer: 3:25

Eight
Komposition: GENEVIEVE (Band)
Dauer: 3:30

Zwischen fast allen Songs gibt es Übergänge. Diese sind von der Band komplett improvisiert.

BETEILIGTE

MIT Genevieve Murphy (Gesang, Keyboard), John Dikeman (Saxophon), Marta Warelis (Keyboard),  Henning Luther (Schlagzeug)

PRODUKTION Isobel Dryburgh PRODUKTIONS-ASSISTENZ Paul Ulmer LICHTDESIGN David Egger DRAMATURGIE Anne van de Wetering

BIOGRAFIEN

Genevieve Claire Murphy | Gesang & Keyboard

© Genevieve Murphy

Genevieve Murphy, eine schottisch-niederländische Komponistin und Performancekünstlerin und Leadsängerin der Band GENEVIEVE begreift ihre Arbeit mit Klang als physische, psychologische und dramaturgische Kraft. Ihre künstlerische Praxis bewegt sich zwischen immersiven Konzerten, Performance und zeitgenössischer Komposition, wobei sie bewusst die Grenzen zwischen Konzert und Performance auflöst. Sie arbeitet mit Themen wie Verletzlichkeit, Macht, Intimität und Ausgesetztsein und versetzt Performer*innen wie Zuhörer*innen in Zustände erhöhter Wahrnehmung. Sie arbeitete bereits unter anderem mit der Netherlands Violin Competition, ONCEIM Paris, dem BBC Scottish Symphony Orchestra, Brìghde Chaimbeul, John Parish sowie dem bildende Künstler Martin Creed zusammen.

John Dikeman | Saxophon

© Sara Anke

Bekannt ist der amerikanische, in Amstersam lebende Tenorsaxophonist John Dikeman für seinen rohen, energiegeladenen Ansatz im Free Jazz und in der Improvisation. Aktiv in der europäischen wie auch internationalen Szene, arbeitete er mit Künstler*innen wie William Parker, Hamid Drake, Joe McPhee und Mette Rasmussen zusammenge. Dikeman beteiligt sich an und leitet mehrere Projekte und ist ein zentrales Mitglied von Gruppen wie Cactus Truck und Universal Indians. Sein Spiel verbindet körperliche Intensität, tiefe Blues-Wurzeln und eine forschende Formgestaltung, geprägt von einem starken Sinn für Dynamik und Risikobereitschaft. Er gilt als eine kraftvolle Stimme der zeitgenössischen musikalischen Improvisation.

Marta Warelis | Keyboard

© Sara Anke

Pianistin Marta Warelis ist eine vielseitige Performerin mit besonderer Vorliebe für Improvisation und Experimentieren in allen Genres. In ihrer Arbeit orientiert sich immer auf direkte Komposition auf Grundlage neuer Klänge und Einflüsse. Ihre Musik schöpft Inspiration aus Musiktraditionen der ganzen Welt, darunter angolanische Tanzmusik, Jazz, westliche klassische Musik sowie verschiedene Strömungen der freien Improvisation. In Polen geboren und aufgewachsen, zog Marta 2010 nach Groningen, um am Prince Claus Conservatory zu studieren. Seit 2014 in Amsterdam ansässig, wurde sie dort rasch aktives Mitglied der lokalen Improvisationsszene. Marta trat regelmäßig im Bimhuis auf, wo ihr 2017 in Anerkennung ihres außergewöhnlichen Talents eine Carte Blanche eingeräumt wurde. 2019 wurde sie Mitglied des Doek Collective, das Räume für Experiment, Forschung und Performance schafft. Sie steht regelmäßig mit wie Musiker*innen Wilbert de Joode, Andy Moor und Frank Rosaly auf der Bühne sowie mit Ensembles und Projekten wie Omawi, Hupata! und Dust Bunny.

Henning Luther | Schlagzeug

Portrait von Henning Luther, der mit der Trommel seines Schlagzeugs posiert.
© Claudia Hansen

Der in Amsterdam lebende Schlagzeuger Henning Luther arbeitet in den Bereichen Jazz, Improvisation, Pop und zeitgenössisches Musiktheater. Er studierte in Weimar und Amsterdam und ist seit 2004 als professioneller Musiker tätig. Seine künstlerische Praxis begreift Rhythmus sowohl als musikalisches wie auch als dramaturgisches Material innerhalb interdisziplinärer Performances. In diesem Kontext tritt er mit Genevieve Murphy auf. Außerdem arbeitete er etwa mit Sahand Sahebdivani, Itai Weissman und Ntando Cele.

Anne van de wetering | dramaturgie

Anne van de Wetering (geb. 1987) ist Dramaturgin, Autorin und Programmgestalterin. Nach ihrem Studium der Literatur- und Performancewissenschaften an der Universität Amsterdam und der Freien Universität Berlin arbeitete sie für Festivals wie Oerol, O Festival Rotterdam und Tilt Literary Festival. Als Hausdramaturgin und Librettistin des Rotterdamer Musik- und Performancekollektivs Club Gewalt und der Neuköllner Oper in Berlin verkörpert sie ihre tiefe Liebe zum Geschichtenerzählen, eine starke Abneigung gegen Ungerechtigkeit und ihr Interesse an kollektiven und kollaborativen Arbeitsmethoden. Sie lebt mit ihrer Katze und einer umfangreichen Sammlung von Science-Fiction- und Fantasy-Büchern in Rotterdam.

Monogram Neuköllner Oper