
In PÖBELARIEN wird die Oper befallen – und ihr seid der Befall! Ein Parasitenkollektiv kriecht in Kostüme, nagt an Arien, nimmt sich aus dem Opernkanon, was gut tut. Der Rest kommt weg. Die Schlangenknaben liefern fette Beats, klare Stimmen und einen Berg aus schillernden Kostümen. Wer will, schlüpft in eine neue Rolle. Wer nicht will, schaut einfach zu. Denn auf die Bühne geht nur, wer Lust auf Lampenfieber hat. Schließlich stehen da schon drei bärtige Performer*innen und versorgen uns mit tanzbarem Opern-Pop, kritisch-empowernden Gedanken zur Operngeschichte und dem schönen Gesang aus ihren parasitären Goldkehlchen. Und dann ziehen alle als Parade raus aus der Oper und infizieren die Straße mit ihrem neuen Gesang!
PÖBELARIEN ist eine vierteilige Serie, die im Laufe der Spielzeit berühmte Opern parasitär befällt und erneuert.
Einleitung

Von Pauline Jacob, Dramaturgin an der Neuköllner Oper und von PÖBELARIEN
Ich stehe irgendwo auf einem Platz in Down-Town-Neukölln und habe eine knielange, blau-glänzende Halsketten-Wurst an. Mit rosafarbener Sonnenbrille auf der Nase versuche ich eine gerade gelernte Arie laut mitzugrölen und als ich wilde Tanzschritte mit dem Rest der Gruppe performe, wackelt auf meinem Kopf ein Hut mit einem riesigen, knallroten Hahnenkamm darauf – wie bitte bin ich hier gelandet?
Achso, klar: Ich habe mich in ein Stück des Kollektivs schlangenknaben gewagt. Bisher vorrangig zu sehen als musikalischer Act in Clubs oder auf Festivals sind sie an der Neuköllner Oper bestens bekannt als dreiköpfige Hydra in der Produktion LAST EXIT EUROPA. Drei Performer*innen, die ein queerfeministisches Gesamtkunstwerk aus Gesang, Beat, Bart und Kostüm bilden – sich selbst für nichts zu schade.
„Zum Ziele führt dich diese Bahn,
doch musst du, Jüngling, männlich siegen.
Drum höre unsre Lehre an:
Sei standhaft, duldsam und verschwiegen!
Kurz, sei ein Mann!“
So singen die Performer*innen, aka Henry, Amadeus und Maurice, zu Beginn jeder ihrer Shows und knüpfen damit an die Entstehungsgeschichte ihres Kollektivs an: Als die „Drei Knaben“ in einer privat finanzierten Zauberflöte von zweifelhaftem künstlerischem Wert lernten sie sich 2018 kennen und durften zu ihrem Glück auch gleich noch die große Schlange aus Akt 1 spielen. Knabe? Schlange? Beides! – entstand daraus und wurde für das Kollektiv seither zum künstlerischen Kern ihres Schaffens. Ein vielgestaltliches Wesen ohne Geschlecht, ein Verwandlungsvorgang, der neben Bärten, wildem Make-Up und fabulös-spektakulären Kostüm eine große musikalisch-künstlerische Freiheit mit sich brachte. Und so wenden sie diese Freiheit im Laufe der Spielzeit 26/27 auf gleich vier verschiedene berühmte Opern aus dem guten, alten Opernkanon an.
Also, nochmal – um welche Oper geht es jetzt? Dido and Aeneas von Henry Purcell, für Opernliebhaber*innen ein bekannter Ohrenschmaus, für alle anderen eine unbekannte griechische Mythologie, (Nein, nicht Dieter und Andreas!) – wie war nochmal der Plot? Kurzzusammenfassung: Dido ist die Königin von Karthago. Übers Meer kommt angesegelt: Aeneas, der troianische Held. Liebe! Doch dann kriegt Aeneas Besuch von Boten des Schicksals, die ihn an seinen eigentlichen Auftrag erinnern. Natürlich, er sollte ja Rom gründen! Also verkündet er Dido seine Absicht abzureisen, was bei ihr zu der in der Oper und in der griechischen Mythologie scheinbar einzig möglichen Schlussfolgerung führt: Sie beschließt sich umzubringen. Dann noch der Auftritt von ein paar Hexen, einige herzzerreißende Szenen, in denen er seine Abreise revidieren will, aber am Ende fährt er und sie singt zum Abschluss der Oper und damit kurz vor ihrem Tod noch über den Wunsch, erinnert zu werden. Aber als Privatperson und nicht als ihr Schicksal – was auch immer das genau heißen soll.

Soweit der Kanon. Dass dieser und die Strukturen, in denen er aufgeführt wird, erneuert werden müssen, überrascht nun wirklich niemanden mehr. Historisch kontextualisiert macht es bestimmt alles Sinn, na klar, die verschiedensten -Ismen, die sich nicht nur in diesem Stück finden lassen. Wer darf singen, wer nicht? Wer stirbt, wer nicht? Über wen wird gelacht, weil er arm ist, wer wird als fremd markiert, weil er anders aussieht? Alles Gedanken-Kinder ihrer Zeit, sicherlich. Aber muss man es deshalb immer wieder originalgetreu wiederholen? Nein, finden die schlangenknaben! Denn: Hier in Neukölln gibt es keine Historie. Hier ist eine Oper über einer Einkaufsstraße, hier gibt es ein Leben, das auch jenseits des westlichen Kanons funktioniert, hier haben wir die Freiheit, die Oper zu erneuern, jemand anderes, jemand heutiges zu sein.
Meistens entwickelt die Neuköllner Oper dafür einfach neue Stücke. In diesem Projekt nun aber nehmen sich die schlangenknaben die ursprüngliche Oper vor und schaffen gemeinsam mit dem Publikum eine zeitgemäße Variante. Zurück also zu der knielangen, blau-glänzenden Wurst um meinen Hals: Bin ich, sind wir 50 verkleideten Menschen nun eigentlich Zuschauer*innen oder sind wir selbst Opern-Pop-Star des Abends? Wir sind bei den schlangenknaben: Natürlich beides!
Stückaufbau

TEIL 1 – WORKSHOP / VORBEREITUNG
- Ankommen und Willkommen
- Eröffnung
- Atem – Körper – Stimme
- Die Oper in Kürze
- Opernchor I
- Große Gefühle / Szenisches Spiel
- Opernchor II
- Aktuelle / Pöbelarien-Interpretation
TEIL 2 – INVASION
- Gemeinsam auf die Straße
- Großer Opern-Star-Moment
TEIL 3 – AFTER-SHAVE-PARTY IN DER OPER
Song-Text

Von die schlangenknaben, nach Henry Purcell
REMEMBER ME
Wenn ich von hier scheide,
Scheiden meine Fehler mit
Wenn ich Hilfe schreie,
Schrei ich nur, weil ich so litt
Als ich dir dann endlich zeigte, dass mein Herz geöffnet ist,
konnt‘ ich leider noch nicht ahnen dass du deine Segel hisst.
Du kannst nur gehorchen, Götter geben dir den Kick.
Du holst dir den Segelturn und unsre Liebe bricht
wenn wilde Horden sinnlos morden,
dann läufst du benommen mit –
Im Rausche des Blutes liegt die göttliche Klit
Remember me- but oh
Remember me- forget
Remember me – my faith
Vergesse meine Fehler, aber sicher niemals mich
Lieg ich in der Erde, kümmern meine Macken nicht
Bin ich denn nur tot endlich gut genug für dich
Du lässt mir keine andere Wahl, der Zweifel bricht mir das Genick.
Hätte ich ein Schicksal, das meinen Wünschen mehr entspricht
Auf die Rolle voller Drama, Junge, bin ich nicht erpicht
Weil man die Norm nicht bricht, ist eine Frau Protagonist
Muss ich mich ermorden, weil sonst niemand drüber spricht?
Remember me- but oh
Remember me- forget
Remember me – my faith
Alles kehrt sich gegen mich, wie lenk ich meine Mood?
In mir türmen Wellen bis sie brechen zu ‘ner großen Flut
Meine unheilvolle Schickung – macht aus Liebe Glut
Heiße Lava Fälle werden zu ‘nem riesen Meer aus Wut
Will meinen Zorn ersticken – bevor‘s ein andrer tut
Schreite bis zum Grund hinunter, brenn im Flammen Sud
Erdolche mich auf einem Scheiterhaufen und vergies mein letztes Blut
Bis in weite Ferne tragen Flammen mein Tribut

FEAR NO DANGER
Fear no danger to ensue,
The Hero Loves as well as you,
Ever gentle, ever smiling,
And the cares of life beguiling,
Cupid strew your path with flowers
Gather’d from Elysian bowers.
Fürchte keine Gefahr, die dir drohen könnte,
Der Held liebt dich ebenso wie du ihn,
Immer sanft, immer lächelnd,
Und die Sorgen des Lebens vergessend,
Amor, streue Blumen auf deinen Weg,
Gepflückt aus den Gärten des Elysiums.
Beteiligte

MIT die schlangenknaben (Carla Wierer, Jakob*, Viola Schmitzer), Joni Barnard
PRODUKTIONSLEITUNG Joni Barnard AUSSTATTUNG Valentin Peter Eisele DRAMATURGIE Pauline Jacob
TECHNISCHE PRODUKTIONSLEITUNG Helmut Topp, Kim Titzmann TON Klim Losovsky LICHT Ralf Arndt ABENDTECHNIK Michael Tuttle, Sören Schwedler, Sebastian Vivas Sanchez KOSTÜMABTEILUNG Christina Kämper (Leitung), Frank Schelhase MASKE Anne-Claire Meyer ABENDDIENST Sophie Reavley, Regina Triebel ABENDSERVICE Vanda Hehr
Biografien
DIe Schlangenknaben

Queerfeministische Konzertperformance.
ein Gesamtkunstwerk aus Kostüm, Musik,
Diskurs: Das sind die schlangenknaben.
Elektronische Opernmusik. Schumann, Purcell und schwäbische Volksweisen mit Bumms-Glitzer-Rhythmen. Knabe und Schlange in Einem. Dreckige Hochkultur. Genre- und genderoffen und sich selbst für nichts zu schade.
Zarte Glocken, dicke Eier, Mozarts Busenfreunde.
Krawall im Reigen der Jahrhunderte. Wir bringen die Knaben in den Club, rennen über verbrannte Erde und holen die Schlangen aus dem Unterholz. Wir pflegen einen guten Ton und unsere Schamfrisur.
Carla Wierer

Carla Wierer ist Schauspielerin, Musikerin und Produzentin von Theater- und Performanceprojekten.
In ihren Projekten verknüpft sie gesellschaftliche Fragen mit künstlerischen Experimenten und schafft Räume für Austausch, Reflexion, gemeinsames Denken und Erleben. Dabei untersucht sie historische Kontinuitäten und ihre Auswirkungen auf gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen und verbindet lokale Perspektiven mit globalen Fragestellungen. Meist entstehen ihre Arbeiten in kollektiven Prozessen. Carla produziert Musik für Tanz- und Theaterstücke und tritt mit dem Post Apocalyptic Café Orchestra auf. Ein wichtiger Teil ihrer künstlerischen Praxis ist das Musik- und Performancekollektiv Die Schlangenknaben. Mit ihrem Musikprojekt Carla Brunndorf erschien 2025 das Debütalbum Trink aus, mein Schatz.
Viola Schmitzer

Viola Maria Schmitzer arbeitet als Performerin, Hornistin und Projektleiterin an den Schnittstellen von Musiktheater, Körper und Raum. Ihre künstlerische Praxis verbindet Klang, Bewegung und Szene und hinterfragt klassische Aufführungssituationen. Geprägt durch ihre Arbeit im Stegreif Orchester entwickelt sie Formate zwischen Konzert und Intervention, die auf unmittelbare Begegnung mit dem Publikum zielen. In ihrer Vermittlungsarbeit initiiert sie partizipative Projekte für unterschiedliche Zielgruppen. Zuletzt realisierte sie mit Wunderwald an der BluBoks ein Musiktheaterprojekt mit 70 Kindern, das künstlerische und soziale Räume miteinander verschränkt.
Jakob*

Jakob*, Berliner Performer*in, sucht das Unkontrollierbare, scheitert gerne und fragt, wer eigentlich eingeladen ist mitzumachen.
Zusammen mit dem queerfeministischen Performancekollektiv Die Schlangenknaben eignet sich Jakob* Räume und Repertoire an – dreckige Hochkultur, lustvoll auf männlich dominierter Kulturgeschichte reitend. 2022 erschien das Album „so haarig”, mit dem „Flötenzauber – eine Sabotage zart nach Mozart” waren sie u.a. beim berlin is not., dem Hygiene Museum Dresden und dem at.tension Festival zu sehen.
Mit der Compagnie Jakob* & Schleiff entstehen partizipative Arbeiten zu Sexualität und Identität für junges Publikum, u.a. am Theater im Delphi Berlin und beim B.A.L.L. des Fonds Darstellende Künste.
Joni Barnard | Produktionsleitung

Joni Barnard ist ein*e interdisziplinär arbeitende Künstler*in, Produzent*in, Performer*in und Theatermacher*in, die an der Schnittstelle von Tanz, Theater, Film, Musik und körperlichem Aktivismus arbeitet. Fasziniert von queeren und tricksterhaften Zugängen zu Leben und Arbeit erforscht Joni Praktiken des Konsenses, radikaler Verbundenheit sowie somatische Stimm- und Bewegungsforschung. Die eigene Arbeit ist geprägt von Zusammenarbeit, Experimentierfreude und spielerischem Erkunden und schöpft aus kreativen Praktiken des Globalen Südens, die Wärme, Humor, Co-Regulation und gemeinschaftliche Fürsorge in den Mittelpunkt stellen. Joni arbeitet seit 2020 mit den Schlangenknaben zusammen.
Valentin Peter Eisele | Ausstattung

Valentin Peter Eisele gestaltet fast seit Beginn der Schlangenknaben deren Ausstattung und Grafik. Er studierte Informationsdesign in Graz und Stage Design an der National Academy of Dramatic Art, The Lir, in Dublin. Seit 2016 arbeitet er freiberuflich als Grafikdesigner und Bühnen-/Kostümbildner. Er realisierte Arbeiten unter anderem für das Junge Ensemble Stuttgart, backsteinhaus produktion / Theater Rampe, Theater Oberhausen, The Ume Group NY, Theater Aufbau Kreuzberg, Gare du Nord Basel und das Irish Classical Theatre Buffalo. Für das Theater Pfütze in Nürnberg und die Kultursparte des Berliner Doms ist er kontinuierlich im Bereich visueller Kommunikation tätig.
Pauline Jacob | Dramaturgie

Mit ihrem Musiktheater-Kollektiv staatsoper24 schafft Pauline Jacob mit ihrer Kollegin Lisa Florentine Schmalz das vermeintlich Unmögliche: Sie denkt die Oper ganzheitlich neu, weiblich* und zeitgemäß. In ihren Musiktheater-Performances, musikalischen Hörspielen und performativen Ausstellungen werden marginalisierte Stimmen empowert, es verschwimmen Genregrenzen, Hormone spielen verrückt und manchmal singt ein Hund im Pelzmantel. Dabei schreibt Pauline die Konzepte und Stücktexte/Libretti und führt bei den Hörspielen die Regie. Als studierte Opernsängerin performt sie außerdem in experimentellen Musiktheaterproduktionen befreundeter Künstler*innen. Mehr und mehr zieht es sie darüber hinaus in die fächerübergreifende Lehre an Kunst- und Fachhochschulen.
Pauline und staatsoper24 erhielten diverse Stipendien und Auszeichnungen. Ihre Projektpartner*innen sind u.a. Staatsoper Stuttgart, Junge Deutsche Oper Berlin, JOiN Stuttgart, DLF Kultur, WDR, Kölner Philharmonie, Philharmonie Luxembourg, Schwetzinger SWR Festspiele, Lichthof Theater Hamburg, UdK Berlin, Zeit Bucerius Stiftung, Claussen-Simon-Stiftung Hamburg.
Seit der Spielzeit 2026/27 ist sie als Dramaturgin an der Neuköllner Oper engagiert.