
Die von Kino, Fernsehen und Theater vielbeachtete Regisseurin, Schauspielerin und klassisch ausgebildete Musikerin Anke Retzlaff bahnt sich gemeinsam mit ihrem Team einen Weg durch das Dickicht der Publikumsstimmen. Das Thema? Die ursprünglichste aller Erfahrungen, die uns alle verbindet: die Geburt – der intensiv intimste und zugleich gesellschaftlich überwachteste Moment des Lebens.
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NO Interview
5 Fragen an Anke Retzlaff

NO
Anke, wie würdest du dein künstlerisches Selbstverständnis beschreiben?
Anke Retzlaff
Ich habe Schauspiel studiert und arbeite schon lange als Schauspielerin für Film und Fernsehen. Währenddessen habe ich angefangen, auch selbst zu inszenieren. Gleichzeitig habe ich eine klassische musikalische Ausbildung und die Musik hat mich nie losgelassen – im Gegenteil nimmt sie eine zunehmend größere Rolle in meinen aktuellen Projekten ein. Daraus entstand der Impuls, eigene Performances zu machen und meine eigenen Themen zu verhandeln auf der Bühne. Das ist meine Art geworden, dies alles zusammenzubringen: Meine Arbeit ist eine Suche nach dem maximalen Hybrid aus diesen Erzählweisen.
NO
BIRTH FACTORY verhandelt die Themen Schwangerschaft und Geburt. Was hat dich daran interessiert?
AR
Die Erfahrungen, die Menschen auf dem Weg zu oder während einer Schwangerschaft und Geburt machen sind so intim und existenziell. Gleichzeitig sind viele dieser emotional und körperlich herausfordernden Prozesse tabuisiert, mit Scham, Angst, Wertung oder Ausgrenzung verbunden und geschehen im Verborgenen – was zu Vereinzelung und Leid führen kann. Ich wünsche mir eine angstfreie, diverse und zugleich viel umsichtigere Kultur des Austausches über dieses komplexe Thema und insbesondere auch über jene Erfahrungen, die oft ganz ungehört bleiben. BIRTH FACTORY ist für mich ein künstlerischer Gegenentwurf zu diesem Schweigen.

NO
Du lässt dafür tatsächlich die Stimmen der Betroffenen zu Wort kommen.
AR
Mein künstlerischer Ansatz ist es, Geschichten aus der Stadt, aus der Gesellschaft auf die Bühne zu bringen, ohne sie etwa von Laiendarsteller*innen vortragen zu lassen oder als Performerin wiederzugeben. Ich möchte die Stimme der Person hören, die es wirklich erlebt hat. Wir haben anfangs so großflächig wie möglich nach Erfahrungen gesucht, was selbst ein total berührender Prozess war: Menschen, mit denen wir gesprochen haben, haben es in ihrem Bekanntenkreis weitererzählt und plötzlich meldeten sich fremde Personen bei mir, die auch ihre Geschichte erzählen wollten – oft zum ersten Mal! Dafür bin ich sehr dankbar.
Die Suche geht aber weiter. Die Idee von BIRTH FACTORY ist zukünftig aber auch, im Vorfeld Stimmen des Publikums zu sammeln – die Stimmen der Menschen im Raum in die Performance einfließen zu lassen.
NO
Wie habt ihr es geschafft, diese persönlichen und vielfältigen Erfahrungen und Stimmen in Stückform zu bringen?
AR
Die Autorin Kathrin Liess hat den Text entwickelt, indem sie eine mythologische Figur einbezieht: Lilith, die von Gott aus dem Paradies verjagt wurde, weil sie sich geweigert hat, beim Sex unten zu liegen, und dazu verdammt war, jeden Tag 100 Kinder zu gebären – also jede Geburtserfahrung am eigenen Körper noch einmal durchleben muss. Und ich bin als Performerin auch eine Art Medium, durch die all diese Erfahrungen geboren werden.
Gleichzeitig wird musikalisch so viel angeboten, dass man in eine Art Rausch- oder Trance-Zustand versetzt wird. Dadurch schafft dieses Projekt einen Raum, in dem eine Bewertung oder Verurteilung unmöglich wird, denn wir sind nicht im Kopf – sondern es wummert in unserem Bauch.

NO
Musikalisch treffen in BIRTH FACTORY Gambe, Laute und Cemballo auf Synthesizer. Was ist die Idee hinter dieser außergewöhnlichen Instrumentierung?
GM
Wir haben uns für barocke Instrumente entschieden, weil das Gebären einerseits etwas so Ursprüngliches ist – daher der Griff in die Vergangenheit. Andererseits geht es um das Hier und Jetzt, den gemeinsamen Moment, die Personen im Raum. Es war uns wichtig, dass die Musik körperlich erlebbar wird. Die Bässe der elektronischen Musik werden spürbar im Bauch – man hat vielleicht das Gefühl, in mir schlägt auch etwas, ein Herz, eine Geschichte, die erzählt werden möchte.
Das ist nur möglich Dank diesen fantastischen Musikern, Peter Florian Berndt und Dominik Tremel: Sie verbinden die barocken Instrumente und die Texte mit der elektronischen Musik. Obwohl die Synthesizer so komplex sind, dass man die Performance kaum wiederholbar machen kann, schaffen sie es jedes Mal wieder, dass alles ineinandergreift und das Herz, den Magen, den Körper in Schwingung versetzt.

BETEILIGTE

REGIE Anke Retzlaff TEXTE Kathrin Liess DRAMATURGIE Anke Retzlaff, Kathrin Liess, Caspar Weimann, Julia Jordà Stoppelhaar AWARENESS Caspar Weimann INSTALLATION Philippe Waldecker PERFORMANCE, VIOLA DA GAMBA Anke Retzlaff LAUTE, ELEKTRONIK Peter Florian Berndt CEMBALO, ELEKTRONIK Dominik Tremel
LICHT Ralf Arndt TON Ronald Davila, Klim Losovsky ABENDSPIELLEITUNG Sophie Reavley, Regina Triebel ABENDSERVICELEITUNG Vanda Hehr
BIOGRAFIEN
Anke Retzlaff | Regie, Performance, Viola da Gamba

Anke Retzlaff ist Schauspielerin, Regisseurin und Musikerin. In ihren Performances verbindet sie die verschiedenen Disziplinen zu einer ganz persönlichen künstlerischen Handschrift. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch einen hohen Grad an Interdisziplinarität und Poesie aus und touren international auf bedeutenden Musik- und Theaterfestivals. 2021 wurde sie in der Theater heute als „Beste Nachwuchskünstlerin“ ausgezeichnet. Für ihre Rolle im Kinofilm Puppe wurde sie für den New Faces Award als „Beste Nachwuchsschauspielerin“ nominiert und 2024 erhielt sie den Woody für die „überzeugendste Darstellung eines fiktiven Charakters“ im Film DONNERSTAG.
Kathrin Liess | Text, Dramaturgie

Kathrin K. Liess ist Autorin und Übersetzerin. In ihren Texten ist sie immer auf der Suche nach der Poesie des Alltäglichen, nach nicht-erzählten Geschichten und wenig beachteten Perspektiven. Ihre Texte sind multiperspektivische, rhythmische Sprachkompositionen, in deren Zentren meist komplexe Frauenfiguren stehen. Liess studierte Germanistik und Anglistik in Graz sowie an der University of Bristol, England. Sie übersetzte u. a. Stücke für das Schauspielhaus Graz, das Staatstheater Mainz und die Ruhrtriennale. Lesungen führten sie u. a. an das Literaturhaus Graz, das Forum Stadtpark sowie zur Lettrétage Berlin. Liess schreibt vorwiegend fürs Theater. Ihre Stücke wurden u.a. am Staatstheater Mainz, dem Staatstheater Kassel und beim Festival Schall und Rausch der Komischen Oper Berlin uraufgeführt und zu zahlreichen Festivals eingeladen. Gemeinsam mit dem Autor:innenkollektiv „Die Plattform“ entwickelt sie Hörspiele, Audiowalks und multimediale Lesungsformate. Außerdem ist sie Mitglied des what if kollektivs.
Dominik Tremel | Cembalo, Elektronik

Dominik Tremel ist Musiker. Seine Instrumente sind Klavier, Synthesizer, Laborgeräte und Elektroschrott. Nach dem Studium an der HfM Würzburg (Dirigieren und Schulmusik) arbeitete er zunächst als Korrepetitor mit Dirigierverpflichtung. Seit 2017 ist er freiberuflich als Komponist und Livemusiker an Theatern und im Bereich experimenteller elektroakustischer Musik tätig und arbeitete u.a. für das Theater Gießen, das Theater Kiel, das Theater Regensburg, das Wildwuchstheater Bamberg und ist Mitglied des Ensembles „Ernst von Leben“. Eine enge Zusammenarbeit verbindet ihn mit der Regisseurin Anaїs Durand-Mauptit.
2023 wurden drei Stücke von Dominik für Sinfonieorchester und live-Elektronik vom Saarländischen Staatsorchester uraufgeführt. 2024 hatte Bericht einer Zeitzeugin für Sprecherin, Streichquartett und Elektronik (Text: Felix Forsbach) Premiere beim Festival „Augustusburg 1933-1945“.
Peter Florian Berndt | Laute, Elektronik

Peter Florian Berndt ist freischaffender Musiker, Sounddesigner und Performer. Insbesondere als Theatermusiker war er zuletzt an verschiedenen Bühnen engagiert wie etwa dem Düsseldorfer Schauspielhaus oder dem Theater Plauen Zwickau. Mit den freien Produktionen Dream Machine und Send me up! tourt er international. Sein Zuhause ist Bamberg, wo er festes Mitglied des Improvisationstheater-Ensembles Ernst von Leben ist.