Die Krötzkes sind drin.

Die Doku-Soaperette in Dolby-Surround
von Niclas Ramdohr (Musik) und Peter Lund (Text)
Uraufführung am 28. März 2002

Rechnungen, Mahnungen, Kündigungen – so macht die Post keine Freude. Wie gut also, dass es nunmehr das elektronische Postfach gibt, frei von derlei Unannehmlichkeiten. Und besser noch: wo bereits 38% der Privathaushalte rund um den Globus diese schier unbegrenzte Kontaktbörse nutzen, sind selbst die Krötzkes endlich mal dabei. Ja, dank einer kleinen, unerheblichen Notlüge von Sammi Krötzke nimmt unsere reizende Familie aus Neukölln wieder Teil an der Formung des eigenen Geschicks. Im Netz weltweit unterwegs wird der Horizont ganz weit.
Grund genug, schlummernde Hoffnungen wieder aufleben zu lassen. Kommt die große Liebe für Fee nach erstem Mißgeschick in der lokal so ziemlich auf Neukölln (vielleicht noch Kreuzberg) begrenzten Realität jetzt über die Datenautobahn direkt auf den Familienrechner? Man glaubt es kaum, doch es sieht ganz danach aus. Wie beruhigend: Diese ewige Versuchung, dem Leid durch Lebenslügen auszuweichen, Lachschleifen und Applausbänder in die Selbstversicherungsstrategie einzubauen mit viel Raffinesse, nein, Effies Rezepte scheinen nunmehr überflüssig und rückführbar dahin, wo sie immer schon erahnt wurden: in die Abgründe des Selbstbetrugs. Schluss damit! Und damit die neu entdeckte, einzig wahre und eigentlich ganz die alte Felicitas Krötzke wirklich eine Chance hat, macht sie Nägel mit Köpfen, und zwar in Form einer flankierenden Therapie. Also Fee schöpft zu Recht wieder Hoffnung…
Dass Sammi diesem späten Coming Out, das ja eigentlich eher ein Getting all right ist oder werden soll, mit gemischten Gefühlen gegenübersteht, ist verständlich. Einerseits stolz, dass Mama sich traut, endlich traut, laut und deutlich „Ich“ zu sagen, fällt der Blick doch machmal bange auf die eigene Bedürfnislage. Wenn man erwachsen wird, braucht’s doch schon hin und wieder mal jemanden, der über sein Ich hinwegsieht…
Nicht die Stärke von Oma Effie. Hat sie, das muss man zugeben, aber auch nie behauptet. Und diese Ehrlichkeit findet als der sprichwörtliche stete Tropfen endlich auch ihren Lohn. Die Familie wird ihren Nutzen daraus ziehen. Wahrlich ein kleiner, aber essentieller Beitrag zu einer Leitkultur für unsere Gesellschaft…

Regie: Peter Lund, Mus.Ltg.: Niclas Ramdohr, Ausstattung: Stephan Prattes, Dramaturgie: Holger Siemann

mit Silvia Bitschkowski, Laura Leyh und Ilka Sehnert