In den Köpfen

Abstands-Theater?

 

Liebes Publikum,

am 22.4.2020 hat der Berliner Senat entschieden, dass die Theater aufgrund der Pandemie weiterhin bis zum 31.7.2020 geschlossen bleiben müssen. Was also tun? Wir haben viele Ideen dazu, sind jedoch davon abhängig, welche Auflagen und Gebote die Behörden anordnen (werden).

Was aber würden Sie gerne bei uns sehen?

Zum einen: Welche Formen digitaler Begegnungen wären interessant, auch im Hinblick darauf, dass derzeit an Streaming- und sonstigen Online-Angeboten wahrlich kein Mangel herrscht?

Zum anderen: Falls wir ab August oder gegebenenfalls später wieder spielen dürften, wird dies vermutlich aber mit Auflagen verbunden sein wie Sicherheitsabstand, Maskenpflicht etc.. Das ist für ein Theater wie die Neuköllner Oper eine wirklich schwierige Aufgabe. Denn lebt unser Haus nicht gerade von der unmittelbaren Nähe zum Spiel und den Darstellenden? Sei‘s drum. Besondere Zeiten erfordern kreative Antworten. Vielleicht führt das Abstand-Halten nicht nur im Publikum, sondern auch auf der Bühne zu spannenden, neuen Inszenierungsformen!?

Wir arbeiten jedenfalls daran, ganz aktuell an einer digitalen Inszenierung von Opera for Sale!

Nach wie vor sind wir jedoch auch neugierig auf Ihre Vorschläge, Wünsche, Ideen, wie ein solches Abstands-Theater aussehen könnte!

Bitte schreiben Sie uns hier.

Zum Einstimmen hier ein Auszug eines Artikels von Rüdiger Schaper im Tagesspiegel vom 21.04.2020:

„Kussszenen! Prügeleien! Hitzige Dialoge auf Tuchfühlung! Herumbalgen, umarmen, vertraulich beieinander stehen, das wird es dann so auf der Bühne nicht mehr geben. Das Repertoire muss uminszeniert, die Schauspieler umerzogen werden. Eine wahnsinnige Vorstellung.“

Herzlich und in Vorfreude auf ein Wiedersehen,
Ihre Neuköllner Oper

 


#indenkoepfen

Zugleich wollen wir die viel größere Dimension der Krise nicht vergessen:
Was geschieht während dieser Wochen?

Während sich die Kultur- und Theaterwelt (so auch wir) damit beschäftigt, wie unter dem Regnum Corona neues Theater auch mit Abstand losgehen kann, wollen wir den Blick nach vorn auch auf andere, wichtige Themen lenken. Zum Beispiel, wie wir als Theater(leute) an der Bewältigung der Klimakrise betragen können.

Einen wertvollen Impuls gibt der Artikel des Theaterkritikers und Autors Till Briegleb aus dem aktuellen Magazin der Kulturstiftung des Bundes, den wir Ihnen an dieser Stelle empfehlen wollen. hier ein Auszug:

„Wo auch immer die gegenwärtige Kul­turgemeinschaft ihre neuen Prioritäten setzen will, um im Kontext sich rasant beschleunigender Umweltzerstörung ihren ernst ge­meinten Beitrag zu liefern, sie wird nicht umhin kommen, den heutigen Betrieb grundsätzlich in Frage zu stellen. Dazu wird es kaum genügen, nach politischen Lösungen zu rufen.“

Den vollständigen Artikel können Sie hier lesen.

***

  • „Dabei wird mittlerweile allen mehr und mehr klar, dass die Corona-Pandemie erst der Anfang ist. Im Vergleich zu den Folgen des Klimawandels stellt der Umgang mit Covid-19 wahrscheinlich noch eine Leichtigkeit dar. (…) Die Pandemie kam zwar innerhalb weniger Wochen über die Welt, wurde aber durch eine über einhundertjährige Geschichte der Globalisierung vorbereitet. Das Virus des Neoliberalismus wiederum kursiert schon seit mehr als 40 Jahren und hat über Privatisierungen und Einsparungen im Gesundheitswesen die Krise befeuert. (…) Denn auch durch die Klimakrise wird es zu akuten Schocks und Katastrophen kommen … Galt die Zukunft in der Moderne als prinzipiell offen und dem Fortschritt zugewandt, so klingt es derzeit geradezu verzweifelt, wenn man versucht, die Konturen einer positiven und nachhaltigen Welt zu zeichnen. Covid-19 müsste zunächst einmal dazu führen, den Riss in der Zeit wahrzunehmen, zu sehen, dass die westliche Moderne in eine Sackgasse geraten ist. (…)
    Corona hat so weltweit in aller Dringlichkeit die Frage aufgeworfen, wie man auf diesem Planeten überhaupt gut und fair zusammenleben kann. Ein Riss durchzieht nun unseren Vorstellungsraum, der zeigt, dass man nicht alles gestalten und beherrschen kann. So konnte die Welt wenigstens für einen Moment erfahren, dass Selbstbegrenzungen möglich sind.“
    (aus: Zeit, Angst und das Ende der Allmachtvon Frank Adloff, erschienen am 15.05.2020 | derfreitag.de)

 

 

  • Es [das Theater] ist als Ort der Begegnung auch ein Ort der Furchtlosigkeit. Denn Fiktion bedeutet immer eine Alternative zu dem Leben, das wir führen. Hier bekommt man für sein Geld unmessbare Zeit und reist an Orte, die nur im Kopf entstehen. Hier hat man den Mantel des Alltags an der Garderobe abgegeben. Auf der Bühne  wird gemeinsam geträumt. Die Wiederherstellung dieser Furchtlosigkeit aber kann gar nicht überschätzt werden in Zeiten der Furcht, der diffusen Ängste, der schwer zu lokalisierenden Sensibilitäten. Der Ort der Begegnung begehrt auf gegen eine Stimmungsmache, die einem glauben machen will, eine Vereinfachung der Welt in Schwarz und Weiß sei die Lösung. Doch die Welt bleibt divers, unüberschaubar, schwer aushaltbar in ihren Widersprüchen, im Mit- und Gegeneinander, in der globalisierten Gleichzeitigkeit von Frieden und Gewalt, Armut und Reichtum, Gerechtigkeit und Wahnsinn.“
    (aus: Warum die Furchtlosigkeit des Theaters fehlt, von Martin Mutschler, erschienen am 01.05.2020 | haz.de)

 

  • Wir sehen jetzt in dieser Krise, dass die Solidarität und die Nächstenliebe, das Denken an den Menschen, als Wesen, das sehr zart ist und sehr verletzlich (…), dass diese Gedanken und diese Solidarität am Ende das Wichtigste ist, was uns zusammenhält – als Menschen, als Weltengemeinschaft. Darin sehe ich eine Chance: Dass Religionen und politische Systeme sich zusammentun.“
    (aus: Seyran Ateş in Gabor Steingarts Podcast „Das Morning Briefing“, erschienen am 04.04.2020 | gaborsteingart.com)

 

  • „Jetzt ist die beste Gelegenheit, mit dem menschen- und planetenfeindlichen Wirtschaften aufzuhören und eine wahre Solidargemeinschaft zwischen Menschen und Natur zu gründen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir solche visionären Erweiterungen unseres Denkens brauchen, um unser Handeln neu auszurichten. Ich danke Ihnen.“
    (aus: Fiktive Kanzlerinnenrede: Neustart Deutschland, von Ute Scheub, erschienen am 26.03.2020 | taz.de)

 

  • „Vermutlich wollen wir danach das Wachstum wieder ankurbeln. Leute sollen konsumieren, Geld ausgeben, produzieren – zurück in die Beschleunigung. Aber vielleicht gibt es doch eine Hoffnung, dass es ein Umdenken gibt. Wir sollten die Krise nicht nur als Zwangsentschleunigung erleben, sondern vielleicht auch als kollektives Innehalten.“
    (aus: Hartmut Rosa im Interview mit Elena Matera: „Das Virus ist der radikalste Entschleuniger unserer Zeit“, erschienen am 24.03.2020 | tagesspiegel.de)

 

  • Jede Tiefenkrise hinterlässt eine Story, ein Narrativ, das weit in die Zukunft weist. Eine der stärksten Visionen, die das Coronavirus hinterlässt, sind die musizierenden Italiener auf den Balkonen. Die zweite Vision senden uns die Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen. 2020 wird der CO2-Ausstoss der Menschheit zum ersten Mal fallen. Diese Tatsache wird etwas mit uns machen. Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Vielleicht war das Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt. Aber sie kann sich neu erfinden.“
    (aus: Re-Gnose – Die Welt nach Corona, von Matthias Horx, erschienen am 22.03.2020 | capital.de)