Aktuelles

Wie geht’s unserer Nachbarschaft?

Huch, der analoge Alltag geht auf einmal wieder los – doch nicht erst seit Corona kämpft der Neuköllner Kiez ums Überleben. Steigende Mieten und Immobilienspekulation bedrohen die kleinen Kneipen, Läden und Kleinstinstitutionen, die das Viertel um die Neuköllner Oper beleben.

Geht es nach den coronabedingten Schließungen einfach weiter wie zuvor oder hat sich die Welt für immer geändert? Business as usual oder die Krise als echte Chance? Das sind Fragen, die sich nicht nur an die globale Gemeinschaft, politische Entscheidungsträger oder den schmalen Grat, auf dem das Klima tanzt, richten.

Mit der neuen Video-Reihe #SAVETHELASTKIEZ – Neuköllner Originale möchten wir von der Neuköllner Oper ganz lokal herausfinden, wie es unseren Nachbar*innen gerade geht. Dazu besuchen wir ein Restaurant und einen Buchladen, sprechen mit einem kollektiv geführten Bioladen und einem Späti-Besitzer und befragen ein deutsch-arabisches Bürger*innen-projekt, das Migrant*innen unter anderem beim Ankommen in Deutschland-Berlin-Neukölln unterstützt.

Neben Interviews mit den Kiez-Bewohner*innen werden wir gemeinsam mit unseren Künstler*innen kleine musikalische Einblicke in die letzten und kommenden Produktionen geben.

Wer uns in den nächsten Tagen nicht zufällig beim Dreh in der Richardstraße über den Weg läuft, der*die kann #SAVETHELASTKIEZ – Neuköllner Originale demnächst auf dieser Website sowie auf unseren Social-Media Kanälen bewundern.


Ein Beitrag von Änne-Marthe Kühn (Dramaturgie)

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Fleisch auf Distanz

Nein, es geht hier nicht um die Corona-Skandale in deutschen Schlachthöfen. Sondern um unser FLEISCH. Und doch geht es tatsächlich auch um das hohe C – C wie Corona – wie könnte es in diesen Tagen auch anders sein?
Hinter DIE FLEISCH verbirgt sich die szenische Fantasie zur Oper „Ayamé“ des japanischen Komponisten K. Yamada, die wir im Februar 2019 im Studio uraufgeführt haben. Die „Vier Rituale“ nach einer Idee und mit Videos von Vincent Stefan entfachten eine starke Sogwirkung.

Es gab so viel begeistertes Publikum, dass wir die Inszenierung noch einmal zeigen wollen. Nur – wie, in Pandemie-Zeiten?

Die neuen Rituale des social distancing, die sich seit einigen Wochen in unseren Alltag eingebürgert haben stehen in eigentümlicher Weise mit der Inszenierung in Beziehung:
Der ritualhafte Umgang und die Frage, welche Rolle und welcher Wert der menschliche Körper und seine Inszenierungen spielen – diese Momente prägen die Inszenierung des Regisseurs Fabian Gerhardt und das Spiel der Sänger*innen Yuri Mizobuchi, Daniel Arnaldos und Martin Gerke.

Neu und ebenso eigentümlich wird aber ihre Corona-Adaption. Denn wir erfahren erst in den kommenden Tagen, wie genau die behördlichen Auflagen für das Spielen der Vorstellung und Ihren Besuch bei uns sein werden. Sicher ist: Wir verlegen die Studio-Produktion in unseren großen Saal, sodass es mehr Fläche, Raumvolumen und Belüftungsmöglichkeiten geben wird.

Aber wie wird das Singen schlussendlich sein? Mit einem Schleier vor dem Gesicht, um den Flug der Aerosole abzubremsen und zu Boden zu zwingen? Werden wir die Bühne, die ohnehin bereits ein mit Tüll-Schleier vom Zuschauerraum abgeschlossener Kunstraum ist, noch mit weiteren Sicherheitsfolien versehen (müssen)?

Eine Erfindung der Bühnenbildnerin Sabrina Rossetto für DIE FLEISCH entstand lange vor Corona und wirkt nun so visionär wie passend: der Ice-Cube, in dem die schöne, zur Geisha verdammte Ayame alias Yuri M. ihren großen Auftritt hat – den könnte man Corona-tauglicher kaum machen. (Und vielleicht patentieren lassen, für die vielen anderen Theater dieser Bühnenrepublik?)

Sie können also gespannt sein, zu welchen Lösungen wir kommen werden. Die Premiere ist zum Spielzeitauftakt 20/21 der Neuköllner Oper am 01. August 2020 geplant.


Ein Beitrag von Bernhard Glocksin (Künstlerischer Leiter)

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Ein Filmdreh mit Abständen im Futur II

Zuerst die gute Nachricht: wir werden das Musiktheater „Opera for Sale“ filmisch aufbereiten! Das ist das Stück, das am 12. März 2020 im Studio der Neuköllner Oper seine erste und bislang einzige Aufführung erlebt hat.

Das letzte prä-Corona-Stück, das noch auf unsere Bühne konnte. Ein episches Werk geradezu mythischer Sonderstellung in seiner Behandlung einer Zeit, die es so nie wieder geben wird.Eine Zeit, in der Maskeraden eher dazu da waren, das verkorkste wahre Ich auf den Partys und Vorstandssitzungen dieser Welt zu verbergen. Eine Zeit, in der man um allzu nahe Begrüßungen mit Bussi-Bussi absichtlich einen großen Bogen machte, statt sich diese auch noch so oberflächliche Nähe sehnsuchtsvoll herbeizuwünschen.

Eine Zeit, in der Wohnungen nicht den Beigeschmack erstickender Gefängnisse oder aber lebensrettender Luftschutzbunker aufwiesen – ganz nach Perspektive.

„Opera for Sale“ ist aber auch genau das Stück, das aller Voraussicht nach für alle Ewigkeit ganz zeitlos gewesen sein wird. Somit ohne Zeit – und auch ohne Raum. „Opera for Sale“ – ein Stück über Wohnungen, die eben kein Refugium mehr sind. Und über Menschen, die als „wertmindernd“ aus den Städten verdrängt werden. Egal ob in Dresden, Hamburg, Berlin oder Düsseldorf.

Nun die mittelgute Botschaft: eigentlich hätten wir jetzt schon unsere musik-theatrale Webserie „Opera for Sale“ für Sie, liebes Publikum, abgedreht.

Zu diesem Zeitpunkt hätten wir also fast die Webserie für Sie im Kasten gehabt. Wir hätten drei Meter Abstand gehalten gehabt. Szenen, in denen drei Personen gleichzeitig vorkommen, wären nur mit einer Person gedreht und im Schnitt zusammengefügt geworden. Die Kamerafrau hätte eine Maske getragen gehabt. Und wir hätten Ihnen, liebes Publikum, diese pechschwarze Online-Komödie zum Wohn-Wahnsinn und der Frage „Wem gehört die Stadt“ in 2 Wochen mit Pauken und Trompeten präsentiert. Ganz Deutschland wäre Teil der digitalen Premiere in zwei Wochen geworden. Denn ganz Deutschland wird geeint durch Immobilienspekulation und Rekordmieten.

Zu(vor)letzt die eher schlechte Mitteilung: es dauert noch ein bisschen.

Unser Land ist gespalten durch die Bundesländer-spezifischen Umsetzungen der Regelungen zum Infektionsschutz-Gesetz – oder kurz gesagt: Jedes Theater macht, was es eben darf. Und der föderale Flickenteppich mit Ewigkeitsklausel, auf dem keiner stehen wollte, ersetzt aktuell die Bretter, die die Welt bedeuten.

So befindet sich denn eine Darstellerin in Proben ganz im Süden, ein Darsteller probt in Nordrheinwestfalen schon munter im Live-Theater, Dresden öffnet das Haus für Theaterparcours, während in Berlin noch Zoom-Konferenzen und vorsichtige Abstands-Castings stattfinden.

Dank dieser innerdeutschen Grenzen oder Möglichkeiten, ganz nach Perspektive, liebes Publikum, werden wir Sie nun eben statt in 2 Wochen erst im Juli mit „Opera for Sale – die musiktheatrale Webserie“ beglücken können.

Und darauf – das schließlich ist die beste Nachricht – freuen wir uns schon sehr!


ein Beitrag von Änne-Marthe Kühn (Dramaturgie)

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